Beelitzer Heilstätten – wo man die Toten nachts noch hört

Ich glaube, ich habe noch nie mehr Fotos binnen einer Stunde geschossen. Klick, Klick, Klick, das Gehäuse glüht – hier die Tür, dort das Graffiti, da die Überreste eines Bettes. Ich flitze durch die Gänge, husche durch zerfallene Zimmer, Treppen aufwärts, Treppen abwärts. Plötzlich drehe ich mich um und merke, ich bin komplett alleine. Die Besuchergruppe ist längst in eine andere Richtung weitergezogen  – oder gar in einem anderen Stockwerk?! Von meinem Besten fehlt jede Spur. Gänsehaut macht sich breit. Ich stehe alleine im Keller einer Ruine. In einem verlassenen Krankenhaus.

Steffi im Fenster

Ich bin nicht ängstlich, doch würde in diesem Moment ein Geist um die Ecke biegen, würde es mich nicht wundern. Willkommen in den Beelitzer Heilstätten!

Nachts kann man die Schreie der Toten hören

Wenige Wochen nachdem ich nach Berlin gezogen bin (lang ist’s her), erzählte mir ein Arbeitskollege von den Beelitzer Heilstätten, einem alten, verlassenen Krankenhaus vor den Toren Berlins. Man könne dort einsteigen, einem Freund sei nachts ein Mann mit Dolch begegnet und es spuke dort. Um die Beelitzer Heilstätten ranken sich mehr Gruselgeschichten als man je erzählen könnte (ein nahegelegener Gastwirt behauptete sogar, nachts Schreie aus den verlassenen Gebäuden zu hören). 


Gut umzäunt verrotten die Gebäude der ehemaligen Klinik langsam vor sich hin 

Nun bin ich zum einen keine, die an solche Geistergeschichten glaubt und auch niemand, der irgendwo heimlich einsteigt – nicht so mein Ding (der nächtliche Ausflug mit 15 ins dörfliche Schwimmbad zählt nicht wirklich). Ich habe mir also lange die Geschichten immer wieder angehört, gezweifelt und doch gehofft all das eines Tages selbst sehen zu können. Und wer Berlin und seine Umgebung kennt, der weiß, dass irgendwann alles irgendwie wieder öffnet, weil die Eigentümer Geld brauchen oder sich ein Interessenverband gründet, oder, oder, oder. Spreepark und Teufelsberg sind auch irgendwann wieder aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht und so auch die Beelitzer Heilstätten.

Touristengruppe
Wir sind bei weitem nicht die Einzigen die die Ruinen sehen wollen

Beelitzer Heilstätten – Krankenhaus mit bewegter Geschichte

Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Beelitzer Heilstätten ein mustergültiges Vorzeigekrankenhaus für Lungenkranke Berliner. Die sogenannte Schwindsucht – heute spricht man von Tuberkulose – verbreitete sich wegen der katastrophalen hygienischen Zustände in Berliner Mietkasernen rasend schnell. Dort hausten viel zu viele Menschen in viel zu wenigen Zimmern, die zusätzlich noch mit rußigen Öfen geheizt wurden. Die Schwindsucht war Ursache für jeden dritten Todesfall und jede zweite Arbeitsunfähigkeit. Also beschloss die Landesversicherungsanstalt Berlin etwas dagegen zu unternehmen und baute aufgrund der sauberen Landluft im Beelitzer Wald einen gigantischen Krankenhauskomplex; mit Sanatorien, Chirurgie und Lungenheilstätten, inklusive riesiger Liegehallen (zur Behandlung von Tuberkulose gehörte damals eine sog. „Liegekur“, also das stille Herumliegen an der frischen Luft! Klingt traumhaft, war aber bestimmt echt langweilig auf Dauer). Alles säuberlich getrennt nach ansteckenden und nichtansteckenden Patienten sowie Männlein und Weiblein. Sollte schließlich alles seine Ordnung haben.  Und führte dazu, dass das Gelände unfassbar weitläufig ist. Ende der 20er Jahre gab es dort bereits über 1300 Behandlungsplätze!

Beelitzer Heilstaetten von oben
So sieht das riesige Areal von oben aus

Im 1. Weltkrieg wurden die Heilstätten kurzerhand in ein Lazaret umgewandelt. 1916 soll sogar Adolf Hitler dort behandelt worden sein (angeblich war er von einem Granatsplitter am linken Oberschenkel verletzt worden, man munkelt jedoch, so unser Tourguide, dass ihm der linke Hoden amputiert werden musste). Nach dem Krieg ging der Betrieb weiter, vergrößerte die Anlage, baute noch mehr neue Gebäude. Doch im 2. Weltkrieg machte man wieder ein Lazaret daraus, das bis zum Ende schwer umkämpft wurde – und auch dementsprechend schwer beschädigt. Danach haben die Russen die mehrere Hektar große Anlage besetzt und zum größten Militärhospital außerhalb der Sowjetunion umfunktioniert, bis sie 1994 mit Sack und Pack abreisten – und einfach alles zurückließen was sie nicht mehr brauchen konnten. Bewegte Geschichte würde ich sagen. 

Krankenhaus und Luxuswohnungen – wie sollte es hier anders sein?  

Und dann wusste niemand so recht, was man mit der gigantischen Anlage anfangen sollte. Die einst pompösen Villen bröckelten, die schmucken Herrenhäuser zerfielen.

Haus im Verfall
Von außen sieht es hier fast noch gut aus
Villa von außen
Anhand der Bäume auf dem Dach kann man sehen, dass hier schon länger nicht mehr der Hausmeister vorbeigekommen ist

Viele Ideen wurden geschmiedet, meist scheiterte es aber am Geld. Die ohnehin schon beschädigten Gebäude verfielen, Vandalismus tat sein Übriges. Was blieb war der Prunk längst vergangener Tage und der stetige Verfall. Ende der 90er Jahre wurde eines der Gebäude dann tatsächlich zu einem neurologischen Rehabilitationskrankenhaus umgebaut, das noch immer in Betrieb ist. Mittlerweile wird auch das Frauensanatorium umgebaut und kernsaniert (Kreativräume wie der Investor so schön schreibt und Luxuseigentumswohnungen für nicht wenig Geld). 

Die Frauenheilstätten und die alte Chirurgie stehen aber bis heute leer und können mit Führungen besichtigt werden. 10 Euro kostet die Tour für Erwachsene, für eine Stunde. Über die prachtvolle Bauweise, die Herrenhäuser und Schlösschen, die Marmorfliesen und Buntglasfenster kann man nur staunen. Allein der Gedanke, dass eine Landesversicherungsanstalt derartigen Prunk und Protz in Form eines Krankenhauses geschaffen hat, lässt einen innehalten. Und das Badehaus würde man heutzutage ehr in einem Luxushotel statt in einem Krankenhaus finden. 

Es gibt verschiedene Führungen über das Gelände. Ich finde die durch die Chirurgie am spannendsten. Ein riesiger verlassener Bau, 2 Stockwerk hoch, Erdgeschoss, Keller, Badehaus und jede Menge Schutt. Zersplitterte Glasscheiben, eingefallene Wände, zertrümmerte Sanitäranlagen, dazwischen das Gerippe eines Betts und lose von der Decke baumelnde Elektrokabel. 

Schränke
Alles nicht mehr ganz neu hier. Schränke in den Fluren

Schutt
Schutt, Schutt und nochmal Schutt. Wohin das Auge reicht

Betreten auf eigene Gefahr

Bevor es losgeht, muss jeder einen Haftungsausschluss unterschreiben, dass man die Gebäude auf eigene Gefahr betritt und keinerlei Forderungen bei Verletzungen o.ä. stellen darf. 1 Stunde dauert die Tour. Hin und wieder darf man auch länger im Gebäude bleiben. Unser Tourguide musste leider extrem pünktlich gehen, daher gab’s für uns keine Verlängerung. Wer will, darf sich von der Gruppe trennen und auf eigene Faust das Gebäude erkunden. Zuvor gibt’s für alle die kleine Warnung, nicht auf Schutthaufen zu klettern oder sich zu nah an die Wände oder unter die Fenster zu stellen – beim Anblick der lose baumelnden Glasscheiben hält man gerne etwas Abstand.

offene kaputte fenster
Gut aufpassen wo man hinläuft – sonst landet man in Scherben und Schutt

Immer wieder stoße ich auf Absperrungen – dahinter einsturzgefährdeten Fußböden. Man muss ziemlich gut aufpassen wo man hintritt. Kleiner Tipp – feste Schuhe können nicht schaden. Ich hatte natürlich meine Sandalen an und musste ganz schön achtgeben. Der Boden ist übersät von Glassplittern. Zum Glück ging aber alles gut.

Glassplitter und Schutt
Es liegt so einiges rum…

Schon auf dem Weg zum Gebäude löcherte ich den Tourguide mit Fragen, zu früheren Zeiten. Gerüchte um die Beelitzer Heilstätten gibt es mehr als genug – wie beispielsweise von illegalen Menschenversuchen. Seine Antwort ist ernüchtern: es gäbe keine Unterlagen darüber!  Allerdings – fügt er hinzu – haben die Russen sämtliche brauchbaren medizinischen Zettelchen die seit der Gründung der Heilstätten verfasst worden sind, eingepackt und mitgenommen. Ausschließen kann er es nicht, aber Belege gäbe auch nicht. Leichenverbrennungen in den großen Heizöfen? Angeblich nein. Geister? Hat er noch keine gesehen. Mord und Totschlag? Ja. 2008 tötet ein Hobbyfotograf ein Hobbymodel im Pförtnerhäuschen, Ende der 90er killt ein Serienmörder 6 Frauen; ein Obdachloser erhängt sich; ein Wirt behauptet bis heute Schreie zu hören.

Eigentlich wollte ich der Tour folgen, weil ich es doch ziemlich spannend finde, was der gute Mann (allein auf dem Weg von der Kasse zur Chirurgie) zu erzählen hat. Doch dann erhascht mein Blick das Ende des Flurs. Die Tür, die schief in den Angeln hängt, die zersplitterten, staubüberzogenen Glasfenster, die herrenhausähnlichen Türbögen.

torbogen
Diese wunderschönen Durchgänge findet man überall – Graffitis inklusive

Hier ein Foto, da ein Blick hinter die Tür. Nach 15 Minuten treffe ich die Gruppe drei Flure weiter wieder. Nach 20 Minuten stehe ich mutterseelenallein im Kellergeschoss. Dort herrscht tatsächlich gespenstige Stimmung. Die Dielen knarzen, eine lose Leitung baumelt leicht im Wind, die Scherben unter meinen Schuhsohlen zersplittern. Fahl fällt Tageslicht durch eine herausgebrochene Tür ins staubige Innere. Ich fröstle. Liegt es an der Kühle der dicken Gemäuer oder doch an den Geistern vergangener Tage? Schnell ein Foto, dann doch lieber wieder nach oben. Ans Tageslicht.

Keller
Im Keller ist es so riiiiichitg gruselig und fast schon unangenehm 

Der Aufzugschacht schreit einem gähnend leer entgegen, fast hört man die Geräusche, wie er ungebremst in die Tiefe rauscht und dort zerschellt – wer weiß, was unter dem Schuttberg in Wirklichkeit liegt…

Aufzugschacht
Hier ist wohl mal ein Aufzug gefahren

Die riesigen Hallen, Räume und Flure sind verlassen. Die Wände sind mit Graffitti überzogen, von anderen bröckelt der Putz, Spinnweben halten manches noch zusammen. Die meisten Fensterscheiben sind herausgefallen oder zersplittert. Vollkommen intakt der Balkon im ersten Stock, kurz kann man einen Blick erhaschen, wie herrlich diese Anlage eins gewesen sein muss.

17:59 Uhr. Die Stunde ist viel zu schnell vergangen. Schnell noch ein letztes Foto, da noch ein Blick aus dem Fenster. Ich flitze die Stufen runter, vorbei am einzigen Geist, den ich getroffen habe.

Steffi und Geist

Der Guide schaut auf die Uhr. Unsere Freunde lächeln uns Kopfschüttelnd an. Sie sitzen natürlich längst in der Sonne vor dem Haus, wärmen sich nach der Kälte innerhalb der verlassenen Steingebäude wieder auf. Ich klopfe mir den Staub von den Schuhen. Blicke auf meine Kamera. 578 Fotos zeigt die Anzeige. 

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Infos zu den Öffnungszeiten und Touren

[Anmerkung: mittlerweile muss man bei der Tour Helme tragen]

Wart Ihr auch schonmal an einem so richtig gruseligen Ort? Wo war das? Schreibt mir eure Grusel-Tipps in die Kommentare!

2018-05-01T08:44:21+00:002 Kommentare

2 Comments

  1. Lena 11. Juni 2018 um 13:34 Uhr - Antworten

    Hallooo! das hört sich ja sehr spannen und sogar ein bisschen gruselig an :O :D….danke für diesen tollen Beitrag und den Tipp! Ich wünsche dir noch einen schönen Montag, ganz viele liebe Grüüüße aus’m almurlaub südtirol ! Lena ;)<3

    • Steffi 11. Juni 2018 um 15:40 Uhr - Antworten

      Hi Lena,
      danke für den lieben Kommentar! Südtirol würde ich gerade auch machen 🙂 Genieß es!
      Grüße! :*

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